Gestern war der letzte Tag der Sommerferien. Trotzdem war die Kirche fast bis auf den letzten Platz besetzt. Aber es musste wenigstens keiner stehen. Ich hatte das Fürbittengebet zu halten. Und gestern ist mir mal wieder aufgegangen welch geballte Ladung an Lebensschicksalen da zusammengekommen sind. Da saß der Vater unseres krebskranken 16-jährigen Mitarbeiters. P. hat seine Knieoperation gut überstanden und macht erstaunliche Fortschritte. Grund zum Danken. Doch er hat noch weitere Chemo und eine Lungenoperation vor sich. Da saß der Mann, dessen eigene Firma bankrott gegangen ist. Gerade ist der Sohn mit dem Studium fertig und sollte sie übernehmen. Aus der Traum. Und er leidet auch darunter, dass er seine treuen Mitarbeiter entlassen musste. Da saß S. ein junger Mitarbeiter, der seinen Lymphdrüsenkrebs überwunden hat. Ein hartes Jahr liegt hinter ihm. Da saß F., die in dieser Woche direkt nach dem Abi für ein Jahr nach Tansania geht. Da saß ein Paar, die beide gerade erst jeder für sich mit Hilfe des OFK (Obdachlosenfreundeskreis) aus der Obdachlosigkeit herausgekommen sind. Sie haben sich gefunden und erwarten nun ein Baby. Und dann lag da im Kinderwagen noch ein 2 Tage!!! altes Baby. Seine Brüder hatten gemeint, sie müssten ihre neue Schwester unbedingt allen zeigen. Mama und Papa machtens möglich, denn Mama geht es gut. Dann saß da noch ein Ehepaar dessen Sohn vor drei Jahren ganz plötzlich verstorben ist. Er war in der letzten Klasse der Realschule. Ein guter Schüler. Er hatte noch so viel vor. Aber er war auch ein ganz bewusstes Kind seines Herrn und Heilandes. Nun wollen die Eltern nach Süddeutschland ziehen, dort einen Neuanfang wagen. Sie nahmen Abschied von uns.
Das sind nur einige Menschen, deren Lebenskurve mir da gestern vor Augen stand. Sie habe ich in die Fürbitte mit hineingenommen. Doch nicht nur sie.
Wie viele Erwartungen stehen im Raum, wenn die Gemeinde zusammen kommt. Jeder erwartet (hoffentlich) eine persönliche Botschaft von Gott für sich. Und jeder darf es erwarten. Darf kommen mit einem Herzen voller Dank, voller Sorge, voller Angst, voller Zweifel.
Wie gut, dass wir jeden einzelnen von ihnen vor Gott bringen können, Jesus in die durchbohrten Hände legen dürfen. Das entlastet mich, das macht getrost, das gibt mir Kraft mich dem Einzelnen mit seiner Lebenführung zu stellen, ihn vielleicht ein Stück zu begleiten.
Und dann gab es für mich noch ein besonderes Gottesgeschenk. Unser junger Organist, der sonst mehr auf "modernes" steht, spielte als Nachspiel eine Variation über das Lied, das ich am Sonntagmorgen früh für mich immer wieder gesungen hatte. Er spielte: "So nimm denn meine Hände und führe mich". Aus diesem Lied hatte ich in der Frühe und auf der Fahrt zum Gottesdienst immer den Liedvers gesummt: "Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich."
Ich habe mich bei ihm und Gott bedankt, genau in dieser Reihenfolge.