War es nun chaotisch oder geordnet, heute im Gottesdienst?
Jedenfalls ist er immer wieder anders. In der Begrüßung kriegten die Organisatoren der Silvesterfeier ein Dank-Geschenk. Dann musste improvisiert, die Begrüßung in die Länge gezogen werden. Norbert, einer unserer ehemaligen Obdachlosen ist heute 14 Jahre trocken. Seine frisch gebackene Torte sollte er vorne am Altar überreicht bekommen. Doch Detlef, auch ehemaliger Obdachloser, der mit dem Bulli in der Stadt unterwegs war, um an den Treffpunkten die Obdachlosen und Freunde aufzusammeln, war wegen des Schneechaosses noch nicht zurück. Er sollte auch die Torte mitbringen. Immer wieder signalisierte ich der Pastorin und Schwester, dass noch nichts da war. Auf den letzten Drücker klappte es. Norbert bekam seine Torte und einen großen Korb voller Ricolas, weil er die so gerne lutscht. Nun braucht er sich wohl 30 Jahre keine zu kaufen, meinte die Pastorin. Die Technik hakte (Linzenz abgelaufen von irgendwas), so mussten wir bei einigen Stücken improvisieren, darauf waren wir eingestellt, alle. Schließlich ist den meisten unsere Liturgie mit ihren Texten und Liedern ja vertraut.
Vor dem Sündenbekenntnis tauchten plötzlich im Flur die kleinen Sternsinger auf. Die Begleiterin der Gruppe meinte, die Pastorin hätte sie eingeladen. Sie sollten singen.
Also warten und einen passenden Moment im Liturgieablauf abwarten. Dann taperte ich zum Altar, während die Gemeinde "Wir loben preisen anbeten dich" sang und sagte der Schwester, dass die Sternsinger da seien. "Was wollen die denn?" "Singen." "Wieso?" "Du hast sie eingeladen, sagen sie." "Ich? Nie im Leben. Was soll ich tun.?" "Sie singen lassen."
Und so sangen sie nach der Schriftlesung und vor dem Predigtlied ihr Königslied und sagten ihren Vers vor der Gemeinde. Die Pastorin lud sie ein in die Kinderbetreuung, damit sie nach dem Gottesdienst am Ausgang ihre Spendendose aufhalten konnten. Sie wurden herzlich beklatscht und waren glücklich. So viel Applaus hätten sie noch nie bekommen, meinten die Kleinen.
Und wir hörten eine Predigt zur Jahreslosung so Mut machend, so seelsorgerlich, so hilfreich.
Gott breitet seine Arme aus und ruft: "Wer kommt in meine Arme?" Und ich darf hineinlaufen, mich hineinfallen lassen, mich auffangen lassen.
Ich kann nie tiefer fallen, als Jesus in die Hände. Welch eine Verheißung, welch ein Trost, welch eine Geborgenheit. Auch wenn mein Herz vor Angst erstarrt. Die tiefe Gewissheit ist da, hineinflüchten in Gottes Arme.
Mein Gesprächspartner später im seelsorgerlichen Gespräch, der in einer so ausweglosen Situation zu sein scheint, so unendlich traurig und erschütternd, er hat es aufgesogen, mitgenommen, hält sich daran fest.